
Manchmal braucht man nur ein anderes Label, und die Volksseele kocht. Im Warschauer Nationalmuseum werden ab Juni zahlreiche Bilder und Skulpturen für eine große Sonderausstellung aus den Depots geholt, die Museumsleitung hat zudem einige zeitgenössische Künstler eingeladen. Nichts Besonderes – eigentlich. Doch als „Ars Homo Erotica“ sorgt die Schau des Nationalmuseums bereits im Vorfeld für politischen Wirbel - willkommen in Polen!
„Viele Politiker und Journalisten haben schon protestiert“, erzählt Katarzyna Wakula, Pressesprecherin des Museums. „Ich frage mich wirklich, warum – wir zeigen nichts Ungewöhnliches!“ In der Ausstellung würden lediglich alte und neue Kunstwerke zueinander in Bezug gesetzt. „Im 21. Jahrhundert ist es höchste Zeit, den Menschen zu zeigen, dass diese Bilder einen homoerotischen Hintergrund haben“, sagt Katarzyna in einer Mischung aus Trotz und Selbstbewusstsein. Vor Besuchermangel wird sie sich kaum fürchten müssen.
Warschau ist eine spannende Stadt, nicht nur ob solcher Debatten, die den allmählichen Wandel in den Köpfen zeigen. Ihr Reiz liegt im Unfertigen. Die Hinterlassenschaften des Sozialismus sind noch präsent, allen voran der von Stalin gestiftete schaurig-schöne Kulturpalast. Das Neue bricht sich Bahn – seien es die wuchtigen Wolkenkratzer oder das im April eröffnete, wunderbare Chopin-Museum. Der Fortschritt für Warschaus Lesben und Schwule kommt hingegen auf leisen Sohlen.
Es liegt gerade einmal fünf Jahre zurück, als der damalige Bürgermeister Lech Kaczinsky die „Parade der Gleichheit“ verbot. Im Jahr darauf demonstrierten bereits 10.000 Menschen in der polnischen Metropole, darunter viele aus dem europäischen Ausland. Im Sommer 2010 findet nun der EuroPride in Warschau statt. Erstmals gewährt auch die Stadt Warschau 5000 Euro für die Öffentlichkeitsarbeit der „Parada Rownosci“, was der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza am Tag nach der Entscheidung immerhin einen wohlwollenden Lokalaufmacher wert ist. „Das ist nicht viel, aber es ist ein Anfang“ sagt Monika Czaplika aus dem Organisationsteam, das neben der Parade und einem Kulturfest am 17. Juli unter anderem eine Menschenrechtskonferenz und ein europäisches Filmfestival vorbereitet. Bis zu 30.000 werden beim EuroPride erwartet.
Das könnte eine logistische Herausforderung werden. „Wir haben nur 7000 Hotelbetten in Warschau“, erklärt beispielsweise Piotr Wójcik, der das Buchungsportal Up2U betreibt und dort eigens eine elektronische Bettenbörse für Menschen mit kleinem Budget eingerichtet hat. Dariusz Palecki vom Reisebüro Polish Travel rät Besuchern aus dem Westen daher zur frühen Buchung – denn noch gibt es günstige Angebote, die selbst im Fünf-Sterne-Bereich erschwinglich sind. Dariusz ist das Paradebeispiel eines polnischen Selfmademan: Gleich nach der Wende gründete er sein Reisebüro, heute beschäftigt er über 40 Angestellte, betreibt diverse Webportale – und die schwule Sauna „Klub Galla“. Die ist überschaubar groß, doch in der Rushhour zwischen 18 und 21 Uhr kann man hier durchaus auf seine Kosten kommen – auch wenn es nur eine Kabine gibt. Im „Fantom“, einem Cruising- und Saunaclub in der City, herrscht zu späterer Stunde nicht minder reges Treiben. Junge und Alte, Tunten und Kerle: es geht gemischt zu.
Das gilt auch für die Bars und Tanzclubs. Im etwas abseits gelegenen „Rasko“ jubeln junge Lesben und Schwule am Wochenende den Dragqueens auf der kleinen Bühne zu. Polnischer Schlager der 70er-Jahre ist in der recht kommunikativen Bar „Lodi Dodi“ zu erleben, der „Club Galeria“ punktet mit House, Pop sowie vielen entspannten Besuchern, die auch in Hamburg oder Köln zuhause sein könnten. Und wer es eine Nummer dicker braucht, findet im „Utopia“, wo sich DJs wie Micky Friedman oder David Guetta die Klinke in die Hand geben, ein stylishes Ambiente – vorausgesetzt, man kommt am Türsteher vorbei. Der Vorteil bei alledem: durch den im West-Vergleichen deutlich niedrigeren polnischen Lebensstandard wird Warschau für zahlungskräftige Euro-Touristen zu einem preiswerten Reiseziel, das gleichwohl einen hohen Erlebniswert bietet.
Info Warschau
Der EuroPride 2010 in Warschau findet vom 9. bis 18. Juli unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Toleranz!“statt. Höhepunkt ist die Parade am 17. Juli, zu der zwischen 20.000 und 30.000 Teilnehmer erwartet werden. Informationen zum EuroPride 2010: www.europride2010.eu
Ein schwuler Stadtplan (gay map) liegt in den Clubs und Bars aus. Clubhopping funktioniert erschwinglich mit dem Taxi (am sichersten sind solche mit Telefonnummer auf dem Dach), das man sich jeweils vom Barkeeper rufen lassen sollte; das Unternehmen Mega-Taxi gilt als gayfriendly. Eintritte liegen in der Regel unter fünf Euro, Getränkepreise sind ebenfalls günstig; käuflicher Sex ist für 20 Euro möglich. Wertsachen sollten im Hotelsafe bleiben, das gilt auch bei nächtlichen Besuchern.
Informationen zum schwulen Warschau mit aktuellen Meldungen und Partykalender (auch auf deutsch) bietet die Seite www.gaylife.pl
Günstige Hotelraten auch im hochklassigen Bereich bietet das deutschsprachige Buchungsportal www.entdeckepolen.de.
Eine private Bettenbörse (je nach Budget) findet sich unter www.up2u.pl
Reiseführer: praktisch im Pocketformat und für ein Wochenende ausreichend sind der City-Reiseführer von Marco Polo (9,95 Euro) und „CityTrip Warschau“ aus dem Verlag Reise Know-How (8,90 Euro)
Leserstimmen
Lieber Webmaster, liebes Leo Team - wieso ist der Cityguide nicht aktuell und es fehlen so viele Einträge? ++++...
Na lasst sie doch machen, die Schwulen. Die hat's im alten Rom doch auch schon gegeben. Und was sagte doch kürzlich...
Eine Anti-Mobbing-Gesetz ist für uns alle das wichtigste, es sollte europaweit einheitlich sein und die Würde des...
Also ich meine das war eh lediglich eine Modeerscheinung
Unkritisches PR-Nachgequatsche. Auch damit hat "der erfolgreiche Verleger" und Ex-Maoist seine Millionen...
Hui - was ist denn das ? LEO im neuen online Design ! Scheeeeeeeeeeeen isses ^.^
Danke schön Peter für den Kommentar. Das finde ich fair und anständig. Gebe Dir vollstens Recht, dass der Kalender...
Lieber Bernhard, gerne will ich auf Deine Kritik eingehen. Warum keine Begrüßung? Leo ist keine Neuerscheinung auf dem...
Hallo liebe Leser. Überraschend kam die Übernahme der Hamburger Publigayte Gemeinde wohl für alle Leo Leser nicht....
Erst habe ich gezögert! das "LEO" Magazin April überhaupt nach 12 Monaten wieder mal in der Deutschen Eiche...
Leider muß ich wieder einmal feststellen das die damen und herren organisatoren nix aber auch gar nix verstanden haben....
Ja da schau her! Das ist doch eine tolle Seite und das Heft endlich mal in einem ansehnlichen Layout und auch...
Hey cool, herzlichen Glückwunsch zu Eurer neuen Seite, sieht klasse aus! Weiter so!