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Paris des Ostens

Wenn in der arabischen Welt irgendwann eine sexuelle Revolution denkbar ist, dann hier. Wäre es so weit, liefe Ghassan Makarem wahrscheinlich an der Spitze des Zuges. Seit fast zehn Jahren ist er Mitglied der libanesischen Homosexuellen-Organisation Helem.

''Beirut ist eine sehr sexuelle Stadt'', sagt Ghassan. Wohl auch, weil sich Schwule und Lesben hier freier bewegen können als im restlichen arabischen Raum. Die Stadt verfügt über mehrere Homo-Bars und die einzige Schwulen- und Lesbendisko im arabischen Raum, lässt man Israel außen vor, das aus Sicht der Libanesen ohnehin nicht existiert. Doch diese Lokale sind vielen Schwulen und Lesben zu offensiv und überdies vor Razzien nicht sicher. Also bevorzugen die Beiruter Gays häufig Bars, die als homofreundlich gelten und in denen man weniger Angst vor polizeilichen Übergriffen haben muss.

Überhaupt gebe es einen großen Unterschied zwischen schwuler Szene und schwulem Leben, erzählt Ghassan: Die Szene sei den Reichen vorbehalten und habe oft mit Drogen zu tun. Verheiratete Libanesen, die Sex mit Männern haben, verzichten ohnehin auf schwulen Lifestyle. Ebenso die Touristen aus den Golfstaaten, die mit ihren verschleierten Frauen anreisen und sich an jungen Beirutern bedienen. Das Nachtleben hat viele Gesichter.

Genauso wie die Stadt selbst: verlässt man die Teile des neuen, glitzernden Beirut der meist christlichen und reichen sunnitischen Einwohner, beginnt das schmutzig-staubige Arabien. Dieses Paris des Orients hatte seine Glanzzeit zwar vor dem Bürgerkrieg (1975-1990). Beirut gilt aber auch heute noch als liberalste Metropole im arabischen Raum und erfreut sich großer Beliebtheit als Urlaubsziel für Touristen aus den Nachbarländern und den Golfstaaten. Fast vier Millionen Einwohner leben im Großraum Beirut. Darunter sind 70 Prozent Muslime, hinzu kommen Mitglieder 17 weiterer anerkannter Religionsgemeinschaften.

Leider sind die Reiseführer für den Libanon oft eine Katastrophe. Dort heißt es etwa, dass auf dem Märtyrerplatz noch immer die Hisbollah campe, die Geschäfte nur an „bombenfreien Tagen“ geöffnet seien und manchmal auch Autobomben hochgingen. Natürlich ist das Quatsch. Wer als Tourist über die aktuelle Lage im mittleren Osten wirklich Bescheid wissen will, sollte die Website des Auswärtigen Amtes zu Rate ziehen.

Beiruts Stadtbild bietet eine Mischung aus den schmutzigsten Ecken Tel Avivs und Istanbuls, versehen mit einem Schuss Potsdamer Platz. Moderne Geschäfte, Coffee-Shops, American Diners und Internetcafés wechseln sich ab mit traditionellen Bauten, die einem sagen wollen: „Ach ja, du bist im Orient.'“ Der Verkehr ist wild, aber er scheint tatsächlich Regeln zu haben. Es ist trendy, trotz der überfüllten Straßen einen Jeep zu fahren, wenn man es sich denn leisten kann. Die Luft ist so drückend, dass es besser wäre, sich mit einer Klimaanlage zu verheirateten. In beinahe allen Geschäften und Restaurants ist die Aircondition bis zum Anschlag aufgedreht. Die Hotels in Beirut besitzen europäischen Standard. Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern läuft auf dem Zimmerfernseher ganz selbstverständlich MTV.

Würde man nur die Menschen in Beirut sehen, wäre nicht so leicht zu erkennen, in welchem Land sie sich bewegen. Da sind die jungen Mädchen, die einen breiten Gürtel als Minirock und Hackenschuhe tragen, tiefe Dekolletés zeigen und viel, viel Haut. Daneben bewegen sich die gänzlich verschleierten weiblichen Wesen im Schadohr. Er macht sie fast unsichtbar. Zum Kontrast schmeicheln Muskelshirts, weit geöffnete Hemden, enge Hosen und knappe, knallige T-Shirts den männlichen Körpern und prägen ebenfalls das Straßenbild. Schwule rein äußerlich zu erkennen ist also nicht ganz einfach.

Wie schwer sich die libanesische Gesellschaft mit dem Thema tut, ist an der widersprüchlichen offiziellen Haltung des Landes abzulesen. Schwuler Sex ist strafbar: mit drei Monaten Haft für den aktiven und sechs für den passiven Vollzug. Zu einer Verurteilung ist es allerdings seit zehn Jahren nicht mehr gekommen. Schwulen Sex zu haben ist also das eine, schwul zu sein, das andere. „Es ist auch keine Sache der Religion“, sagt Ghassan. „Vor einigen hundert Jahren war Homosexualität im Orient einfach kein Thema, es war legal. Erst mit dem Nationalismus des 20. Jahrhunderts begann die Diskriminierung.''

Sex unter Männern ist im arabischen Raum nicht grundsätzlich tabu. Häufig bietet er die einzige Gelegenheit, vor der Ehe sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Mit einer wesentlichen Einschränkung: Männer dürfen alles sein - außer weiblich. Denn Frauen gelten als (sexuell) minderwertig. Penetration bedeutet Erniedrigung: Wer gefickt wird ist schwul, der andere ist nur krass drauf.

Da überrascht es nicht, dass auch die Anfänge der Homosexuellenorganisation Helem nicht leicht waren. Zwar versäumte das zuständige Amt, den Antrag auf Vereinsgründung abzulehnen. Aber natürlich wusste die Regierung, wie man unliebsame Stimmen verstummen lässt: Helem bekam erst einmal die nötige Registrierungsnummer nicht ausgestellt. Die Anfangsschwierigkeiten haben sich gelegt. Mittlerweile arbeitet Helem sogar mit dem Gesundheitsministerium zusammen und beteiligt sich am nationalen Aids-Präventionsprogramm. Gegner gibt es immer noch: etwa sunnitische Geistliche, die eine Kampagne gegen die Organisation gestartet haben. Immer wieder zeigten auch Nachbarn die Aktivisten an und behaupteten, im Helem-Büro würden Orgien gefeiert.

Dennoch gelang der Organisation, ein Beratungstelefon für Schwule und betroffene Eltern zu schaffen und auch ein Netzwerk zur ärztlichen Versorgung; hier erfahren Homosexuelle, an welche Ärzte sie sich vertrauensvoll wenden können. Es sind vor allem Jugendliche am Anfang der Pubertät, die bei Helem Schutz suchen. Kokain und Ecstasy machen gerade in ihrer Altersgruppe immer häufiger die Runde und sind auch in der Stricher-Szene weit verbreitet. Daher leistet die Organisation viel soziale Arbeit, denn der Staat hält sich aus vielen Dingen einfach heraus. Immer wieder kommt es vor, dass Männer ihren Job verlieren, weil sie schwul sind oder in den Medien zwangsgoutet werden. Helem hat es zumindest geschafft, dass sich einzelne Zeitungen nicht mehr negativ zu schwulen Themen äußern. Ein Anfang, immerhin. Und doch sagt Ghassan: „Beirut ist Fake-Freedom“. Ein Zustand, den man als Tourist nur schwer begreifen kann.

Michael Gaschler





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Lieber Webmaster, liebes Leo Team - wieso ist der Cityguide nicht aktuell und es fehlen so viele Einträge? ++++...
Franz A. Benz
Na lasst sie doch machen, die Schwulen. Die hat's im alten Rom doch auch schon gegeben. Und was sagte doch kürzlich...
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roulette spielen
Also ich meine das war eh lediglich eine Modeerscheinung
Guido
Unkritisches PR-Nachgequatsche. Auch damit hat "der erfolgreiche Verleger" und Ex-Maoist seine Millionen...
Ritter_Ivanhoe
Hui - was ist denn das ? LEO im neuen online Design ! Scheeeeeeeeeeeen isses ^.^
Bernhard
Danke schön Peter für den Kommentar. Das finde ich fair und anständig. Gebe Dir vollstens Recht, dass der Kalender...
Peter Goebel
Lieber Bernhard, gerne will ich auf Deine Kritik eingehen. Warum keine Begrüßung? Leo ist keine Neuerscheinung auf dem...
Bernhard
Hallo liebe Leser. Überraschend kam die Übernahme der Hamburger Publigayte Gemeinde wohl für alle Leo Leser nicht....
Stefan, 38
Erst habe ich gezögert! das "LEO" Magazin April überhaupt nach 12 Monaten wieder mal in der Deutschen Eiche...
Norbert
Leider muß ich wieder einmal feststellen das die damen und herren organisatoren nix aber auch gar nix verstanden haben....
Burli
Ja da schau her! Das ist doch eine tolle Seite und das Heft endlich mal in einem ansehnlichen Layout und auch...
Marc Huber
Hey cool, herzlichen Glückwunsch zu Eurer neuen Seite, sieht klasse aus! Weiter so!