Wer in den 50er Jahren die deutsche Erstausgabe von Genets wohl bekanntestem Roman „Querelle“ kaufte, wusste was ihn erwartet: Schmutz und Schund der übelsten Sorte, nicht zuletzt wegen der expliziten schwulen Sexszenen. Solchermaßen unzüchtig und verderblich, dass die Gesetzeshüter diesen wie auch Genets „ Notre-Dame-des-Fleurs“ als jugendgefährdend einordneten. Wer sich dem dennoch aussetzen wollte, musste dem Buchhändler per Unterschrift versichern“ den Band verschlossen aufzubewahren und Jugendlichen nicht zugänglich zu mache“ sowie das Buch „weder privat noch gewerblich auszuleihen“. Sein erzkatholischer Literatenkollege Francois Mauriac verunglimpfte ihn als "Orpheus des Abschaums", um seine Leser vor der Lektüre und der dadurch unvermeidlich einhergehenden Verdammnis zu warnen.
Heute gilt Genet als einer der großen Schriftsteller des 20.Jahrhunderts. Noch zu Lebzeiten den "Grand Prix des Arts et des Lettres", die höchste Auszeichnung des französischen Kulturministeriums erhalten. Mit seinen Dramen wie „Die Zofen“, „Die Wände“ und „Der Balkon“ zählte er in der Bundesrepublik zeitweilig zu den meitsgespielten zeitgenössischen Dramatikern.
Jean Genet hatte sich zeitlebens mit der Aura von Gewalt, Verbrechen umgeben und einen eignen Mythos um seine Person kreiert: der schreibende Dieb und Strichjunge, der „poète maduit“. So kriminell und fern jeglicher bürgerlicher Erziehung, wie sich Genet gern gab, war er dennoch nicht. Zwar wurde er insgesamt 13-mal verurteilt zu zusammengenommen 44 Monaten Haft, doch meist aber wegen recht banaler Diebstähle.
Der bei Zieheltern aufgewachsene Genet, flieht bald aus der dörflichen Enge, landet in Erziehungsanstalten und schließlich im Gefängnis. In der Hölle der Anstalt von Mettray berichtete Genet habe er gelernt, sich zu seinen drei Grundwerten zu bekennen: zur Homosexualität, zum Diebstahl und zum Verrat. Genet blieb heimatlos, ohne festen Wohnsitz, sogar noch, als er längst ein berühmter, reicher und selbst von konservativen Kreisen anerkannter Schriftsteller geworden war.
Die Faszination des Verbrechens und die zelebrierte eigene Homosexualität wurden zu Leitthemen seiner Romane, vom „Tagebuch eines Diebes“ bis zu „Das Totenfest“, der literarischen Verarbeitung seiner Liebe zu einem deutschen Nazi während des 2. Weltkrieges. Er selbst hatte von seiner Homosexualität eine sehr eigene Auffassung: „Was ist ein Homosexueller? Ein Mann, ...der sich weigert, in jenes System einzutreten, nach dem sich die ganze Welt organisiert. Der Homosexuelle lehnt es ab, verneint es, zerstört es, ob er will oder nicht.... Es ist das Gegenteil des gesellschaftlichen Zwanges, der Gesellschaftskomödie.“
Anlässlich seines 100. Geburtstages am 19. Dezember ehrt das Schwule Museum Berlin den Schriftsteller nun mit einer umfangreichen Ausstellung. Mit Fotografien und Dokumenten, Text- und Bildinstallationen, Erstausgaben und Kunstwerken wie Zeichnungen von Jean Cocteau werde das Werk wie auch das skandalbehaftete Leben des 1986 verstorbenen Genet in seinen vielfältigen Facetten aufgeschlüsselt und illustriert. Ins Blickfeld rückt dabei auch Genets umstrittenes politisches Engagement für die RAF, die palästinensische Befreiungsbewegung und Black Panther-Bürgerrechtsorganisation und für die RAF darstellen. Besondere Aufmerksamkeit erhält in dieser Hommage auch die „Querelle“-Verfilmung von 1982. Gezeigt werden Plakate, Fotos, Kostüme und Originaldrehbücher dieses letzten von Fassbinder vollendeten Films präsentiert. Eröffnet wird die Ausstellung "Genet. Hommage um 100. Geburtstag" von Klaus Wowereit und dem deutschen Genet-Verleger Andreas Meyer.
Anlässlich des 100. Geburtstages veranstaltet die Freie Universität ein vom 10. bis 12. Dezember ein Symposion zum Thema „Jean Genet und Deutschland“, bei dem unter anderem Genets Faszination für den Faschismus, seine Rezeption in der DDR und die Zensur seiner Werke in der Bundesrepublik thematisiert werden sollen, so Konferenzleiter Matthias Lorenz. Unter anderem werden der österreichische Schriftsteller und Büchner-Preisträger Josef Winkler und Filmemacher Rosa von Praunheim über ihr Verhältnis zu Genet sprechen werden.
„GENET. Hommage zum 100. Geburtstag“. Eröffnung am 6. Dezember, danach bis 14. März 2011, Mi-Mo 14-18 Uhr, Sa 14-19 Uhr. Schwules Museum, Mehringdamm 61, 10961 Berlin
Infos zum Symposium an der Freien Universität Berlin:
www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we03/news/symposium_genet.html
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