Zugegeben – auf den ersten Blick sah es aus wie ein Junggesellenabschied: Ein schrill gekleideter und reich geschminkter Bräutigam an der Spitze zog den Bollerwagen mit Schnapsflaschen, dahinter rund 80 Männer (und auch einige Frauen) mit Eierbechern um den Hals und reichlich Grund, sich immer wieder einen Schluck zu genehmigen. Auch wenn es sich beim "Bräutigam" in Wahrheit um Theresia vom Orden der Schwestern der perpetuellen Indulgenz handelte und sich die Gesellschaft zur "Kohl- und Pinkelfahrt 2012" getroffen hatte – eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Junggesellenabschied war nicht zu verleugnen. Aber von vorn.
Thorsten Geerken, Bavarian Mr. Leather 2010, ist amtierender Kohlkönig des Bremer Lederclubs. Als gebürtiger Bremer und überzeugter Norddeutscher war es ihm schon immer ein Anliegen, hanseatische Traditionen nach München zu bringen. So rief er bereits 2011 zur ersten "Kohl- und Pinkelfahrt". Eine Tradition, die im norddeutschen Raum anlässlich der Grünkohlernte durchgeführt wird und die Ähnlichkeit mit den auch im Süden verbreiteten Feierlichkeiten zum Vatertag hat. Am 21. Januar war es wieder soweit: Rund 80 Männer und Frauen versammelten sich im Café Regenbogen, um zunächst mit dem Bollerwagen durch die Szene zu zeihen. Als ob der Anblick allein nicht skurril genug gewesen wäre, gab es auf dem Stephansplatz noch kleinere Wettkämpfe (u.a. Teebeutel-Weitwurf), bei der eine Vorauswahl zum später am Abend zu krönenden Kohlkönig getroffen wurde.
"Grünkohl muss schwimmen"
Nach einer Zwischenstation im "Pop-As", wo Wirt Carlos ein wenig aus seinem bewegten Leben preisgab, fand sich die Gesellschaft zwei Stunden später zum norddeutschen Menü im Café Regenbogen ein. Getreu dem (gewiss von trinkfreudigen Nordlichtern herbeigedichteten!) Motto "Grünkohl muss schwimmen" kreiste auch dabei die Kornflasche großzügig. In den Pausen des leckeren Menüs aus niedersächsischer Hochzeitssuppe, Grünkohl mit Grützwurst (Pinkel), Kasseler und Kartoffeln sowie einer Schwarztee-Dessert-Creme gab es Ausschnitte aus "Tratsch im Treppenhaus" mit der "unvergessenen" Heidi Kabel und reichlich Schunkelmusik im 3/4-Takt.
Höhepunkt im offiziellen Programm: Die Wahl des neuen Kohlkönigs. Der mit "undurchsichtig" noch freundlich umschriebene Wahlvorgang ergab aber immerhin einen Titelträger, mit dem sich alle anfreunden konnten: Der sympathische Chris aus der Gemeinde der Gehörlosen ist nun ein Jahr lang Träger des in seiner Bedeutung schwer einzuschätzenden Titels. Immerhin gab es für ihn einen schicken Helm, der "Wickie" alle Ehre machen würde. Auch eine Kohlkönigin wurde proklamiert: Es ist Nati, die Mutter von Thorstens Tochter Arwen. Familienspiel? Unsinn! In Monarchien werden die Titel nunmal traditionell innerhalb der Familie weiter gegeben ...!
Doch Beste zum Schluss: die Kohl- und Pinkelfahrt ist eine Benefizaktion zu Gunsten der Münchner Aids-Hilfe. Stolze 1.994 € kamen am Ende zusammen – eine Fortsetzung im Januar 2013 ist nicht zuletzt deshalb fest geplant.
So schön kann Spenden sein – Korn sei Dank!
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