An diesem Ball hätte auch „Luziwutz“ seine helle Freude gehabt, Erzherzog Ludwig-Viktor: der Schwager von Kaiserin Sisi. Denn der war nicht nur schwul, er trug bei Hofe auch gerne Frauenkleider. Nachdem er im damaligen Centralbad (dem heutigen „Kaiserbründl“) einem Herrn zu nahe kam, kassierte er eine berühmt gewordene Ohrfeige – und hatte fortan seinen Spitznamen. Ludwig-Viktor war nicht der einzige Habsburger, der dem eigenen Geschlecht zugetan war.
Ein solcher Hofball jedoch war niemandem von ihnen vergönnt: Der 14. Wiener Regenbogenball feierte am Samstagabend in der Winterresidenz der Kaiserfamilie seine glanzvolle Premiere (Fotogalerie hier). Unter den sechs beeindruckenden Kronleuchtern des Festsaales walzerte eine illustre Gesellschaft: Schwule, Lesben, Transgender – und auffallend viele Heteropaare, die das Unkonventionelle der Veranstaltung schätzen.
„Hier muss sich heute keiner dafür schämen, dass er hetero ist“, hatte Ballmoderatorin Lucy McEvil gleich zu Beginn betont – ein Seitenhieb auf Niki Lauda, der im Vorfeld mit homophoben Äußerungen aufgefallen war. „Man muss das verstehen“, fügte sie an, „Der Mann ist Jahre seines Lebens sehr schnell im Kreis gefahren...“
Der Stein des Laudaschen Anstoßes befand sich ebenfalls unter den Ballgästen: der schwule TV-Moderator Alfons Haider, der in Kürze mit einem Mann in der ORF-Sendung „Dancing Stars“ antritt. Auch Schauspielerin Christine Kaufmann gab sich die Ehre, Lifeball-Erfinder Gery Keszler war ebenso erschienen wie Ehrengast Lilo Wanders. Die britische Grand-Prix-Siegerin Katrina (Ex-„And The Waves“) rockte gegen Mitternacht den Saal, dass die Kristalllüster wackelten.
„Der Ball ist jetzt endlich dort angekommen wo er hingehört“, freute sich Österreichs Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die erst am gleichen Tag von einer Indien-Reise zurückgekehrt war – sich den Besuch aber nicht nehmen lassen wollte. Ein deutliches Signal – denn auch im 21. Jahrhundert scheint es in der Alpenrepublik nicht für alle selbstverständlich, dass eine Community-Veranstaltung an diesem prominenten Ort stattfindet. So hatte die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) zum Boykott des Regenbogenballs aufgerufen. Ob die Rechtspopulisten fürchteten, dass die zahlreichen Sisis beiderlei Geschlechts die Ehre der Nation gefährden?
Eröffnet wurde der Abend klassisch – und doch wieder nicht. Eine gute Stunde dauerte die Zeremonie, bei der nicht nur Tänzerinnen und Tänzer festlich einzogen, sondern auch die zahlreichen Ehrengäste durch das Spalier marschierten. Etwa eine Abordnung der Gay Cops, schwuler und lesbischer Polizisten aus mehreren Ländern. Alle waren in ihren Uniformen erschienen – bis auf die Vertreter aus Bayern. Ihnen wurde das von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verboten - sie kamen in normaler Ballgarderobe und marschierten zum Radetzkymarsch in den Festsaal.
Zu den Klängen des Kaiserwalzers hieß es schließlich: „Alles Walzer“ – und das musste man den Gäste nicht zweimal sagen, die sich auf den anderen Tanzflächen der weitläufigen Hofburg vergnügten oder durch die Flure und Säle flanierten: Händchen haltende Frackträger, Junglesben mit abenteuerlichen Frisuren, graumelierte Frauenpaare in schicken Roben, Männer mit Regenbogenkrawatten und ebenso gefärbten Haaren, Drag Queens mit obligatorischem Diadem oder Tunten, die zu vorgerückter Stunde sichtbar Mühe hatten, ihre schmerzenden Füße auf Highheels unfallfrei voreinander zu setzen.
Auch Lilo Wanders hatte es sich längst etwas bequemer gemacht, als sie gegen 2 Uhr die Tombolagewinner zog – und barfuß auf die Bühne trat. Gefragt, wie es ihr beim Regenbogenball gefalle, sagte sie nach einem Blick in den Festsaal: „Ich übernehme das hier alles!“ Kaiserin Lilo I. - Luziwutz hätte auch daran seinen Spaß gehabt...
Christian Högl, der Chef des Organisationsteams, zeigte sich am Abend erleichtert und sprach von einem „historischen Tag“ für den Regenbogenball. Die Veranstaltung hat allerdings noch Luft nach oben: Die angestrebten 2000 Gäste wurden nicht ganz erreicht, für das kommende Jahr wünschen sich die Verantwortlichen noch mehr Gäste, vor allem aus dem Ausland. Der 2. Februar 2012 ist bereits fest gebucht.
Bis dahin haben sich die homophoben Kritiker dann möglicherweise beruhigt. Denn dies ist schließlich auch ein Ziel des Balles: Selbstverständlichkeit zeigen, Normalität im Umgang herstellen, Akzeptanz erreichen. Politische Arbeit im Dreivierteltakt: beschwingt, entspannt und wunderbar leicht – davon hätten sich die Habsburger eine Scheibe abschneiden können.
Die schönsten Bilder vom Regenbogenball
Interview mit Ball-Chef Christian Högl
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