Die Presse ging nicht immer pfleglich mit ihm um, aber das gehört zum Berufsbild. Klaus Wowereit wurde als „Regierender Partymeister“ bezeichnet, weil das so hübsch ins Bild passte: Der feierfreudige Schwule, der Champagner aus Highheels trinkt. Da war er schon eine Weile Regierender Bürgermeister von Berlin: Ein Gewinnertyp und ein gewinnender dazu – die Menschen und die Medien mochten ihn, weil er mutig und aufrichtig erschien nach seinem Outing.
Das ging eine Weile gut, aber auch nur vordergründig. Denn angesichts eines Fotos, das ihn tanzend mit Sabine Christiansen zeigte, warf die „Bild-Zeitung“ mit fast bittendem Unterton die Frage auf, ob sie – Christiansen - ihn nicht umdrehen könne. Der Regierende Partymeister mit einer biologischen First Lady war wohl selbst der Sensationspresse lieber. Zumindest in den ersten Jahren seiner Amtszeit. Denn heute ist „Wowis“ sexuelle Identität kein Thema mehr. Aus dem „historischen Tabubruch“ (Die Welt) wurde Normalität. Und auch das ist gut so.
Der Berliner SPD-Parteitag vor zehn Jahren feierte ihn für das, was Wowereit dort offiziell verkündete und was kurz vorher schon durchgesickert war. Dass er schwul sei, hatte er bereits drei Tage zuvor seinem Landesvorstand und der Fraktion bekanntgegeben. Wowereit wollte als Bürgermeister-Kandidat nicht in die Defensive geraten: „Ein krampfhaftes Verheimlichen war nicht praktikabel“, schrieb er hierzu später in seiner Autobiografie mit Blick auf Guido Westerwelle. „Man verkrampft zwangsläufig und gerät in seltsame Situationen“.
Wowereit brachte es mit seinem Ausspruch noch am gleichen Abend in die „Tagesschau“. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Ich war erleichtert, hatte aber keine Ahnung, was passieren würde (...) Es brach ein Orkan los, den ich mir in meinen wildesten Träumen nicht hätte ausmalen können (...) Das Beste aber war: Alle überschlugen sich vor Nettigkeit. Ich hatte Mut bewiesen und die Sympathien auf meine Seite gezogen.“
Auch die Schwulen dankten es ihm. Bis heute erfreut er sich in der Szene großer Beliebtheit, junge wie ältere Homosexuelle bitten um Autogramme, schießen Erinnerungsfotos und plaudern mit „Wowi“, wenn der sich unters Volk mischt. Und die „Mutti vons Janze“ (so ein Jackenaufdruck Wowereits zum Berliner CSD) wird nicht müde, Präsenz zu zeigen. Zumal im aktuellen Wahlkampf mit der Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast eine ernsthafte Konkurrentin an seinem Stuhl sägt, die auch in der Szene gut ankommt.
Doch Wowereits Umtriebigkeit ist auch abseits des CSD weit mehr als Anbiederung oder Attitüde. Schwulenpolitik ist ein selbstverständlicher Teil von ihm, was ihn von den meisten anderen offen schwulen Politikern der Berliner Bühne unterscheidet. Ob er als Regierender Bürgermeister der Schuldenhauptstadt, die er mit gleicher medialer Treffsicherheit als „arm, aber sexy“ bezeichnete, einen guten Job macht, steht dahin. Doch ganz gleich, ob Wowereit im Herbst wiedergewählt wird oder nicht, ein historisches Verdienst wird seine Amtzeit auf jeden Fall überdauern: Seit dem 10. Juni 2001 ist die bloße Homosexualität eines Politikers in Deutschland nicht mehr skandalisierbar.
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