Clueso, „Der Song ist der Chef“ hast du deinen Musikern in einem Brief geschrieben, bevor es ins Studio ging. Was genau steckt für dich hinter dieser Ansage?
Dass wir nicht entscheiden, wann ein Song fertig ist, er weiß es ganz allein. Oder er sagt uns, probiert es noch mal anders, vielleicht wird’s ja noch besser. Mit Ralf Mayer und Baris Aladag hatte ich zwei Produzenten, die gesagt haben, hey, es geht noch geiler, der Song will noch mehr gekitzelt werden. Gleichzeitig geht es aber auch darum, ihm eine gewisse Haltung zu geben, er darf nicht zu eindimensional werden, nicht zu fröhlich, nicht zu wütend, er muss einfach von allem etwas haben.
Wie wichtig ist dir die Zusammenarbeit mit Produzenten und Musikern während des Aufnahmeprozesses?
Die beste Idee gewinnt, und niemand anders. Jeder kämpft natürlich um seinen Platz in der Musik, seinen Anteil am Werk. Auch die, die daneben sitzen und ihren Senf dazu geben, sind emotional beteiligt. Im Prinzip muss man sich das so vorstellen: Man holt sich fünf Kinder in einen Raum, setzt sie auf den Boden und sagt ihnen, wir malen jetzt ein gemeinsames Bild. Dabei gibt’s garantiert auch Streit. (lacht) Aber es geht trotzdem immer um das Bild.
In einem Interview hast du dich mal als „Knotenlöser“ beschrieben, der im Austausch mit seinen Freunden sortiert, was in deinem Leben so abläuft. Entstehen auch deine Texte im Austausch mit Anderen?
Erst mal arbeite ich allein gucke nach Sätzen, die strahlen. Oder ich finde eine Zeile finde, die mich auf einen Song bringt. Ich schreib dann, soweit ich komme, und arbeite daran mit meinem Mittexter Baris weiter. Ich weiß aber ganz genau, wie weit ich gehen darf. Es ist niemals die reine Autobiografie, mir geht es immer um das Werk an sich, es muss stimmig sein und dabei ein eigener Film entstehen.
Durch mehrere Songs zieht sich ein ähnliches Motiv. „Ich will nicht wissen, was vielleicht und vielleicht nicht, lass uns nicht sicher sein“, singst du. Oder an anderer Stelle: „Wie ein Stern zieh ich umher, geb den Dingen keinen Namen, oder nur ungefähr. Ich lebe leicht.“ Beschreibt das deine Lebenseinstellung?
Ja, mit Sicherheit. Künstler sind ja ohnehin Freiheitsfanatiker, die finden die ungeplanten Sachen spannender. Wen man mich fragt, ob ich lieber mit jemanden essen gehen will oder mich am Flughafen verabreden und dann einfach wegfliegen, dann finde ich letzteres auf jeden Fall cooler. Wenn man als Künstler Erfolg hat, dann ist sehr viel organisiert und durchgeplant. Doch ich mag Unsicherheiten.
„Der Regen ist wie ein kleiner Applaus, komm geh mal kurz raus und lass dich feiern“, heißt es in einem anderen Song. Was steckt hinter diesem ungewöhnlichen Bild?
In dem Song versuche ich jemandem Mut zuzusprechen, dem es sehr schlecht geht, weil er um einen Menschen trauert, der gestorben ist. Das ist wirklich passiert. Die Person ist sonst immer sehr stark und muntert alle anderen auf. So versuche ich ihn jetzt meinerseits aufzurichten, mit dem Erstbesten, das mir einfällt. Das Schlechte am Regen ist immer noch angenehmer als all das, was du gerade fühlst.
Du hast drei Jahre in Köln gelebt, was hat dich an der Stadt gereizt, aber dann doch wieder in deine Heimat Erfurt zurückziehen lassen?
Ich habe Andreas Welskop, meinen Manager und wenn man so will auch Mentor kennengelernt. Der meinte, komm doch einfach nach Köln und mach das, worauf du Bock hast. Hier hab ich unglaublich viele coole Leute kennengelernt. In meinem Buch („Clueso von und über“, die Red.) habe ich geschrieben, dass die Zeit in Köln sich immer ein bisschen wie ein verlängertes Partywochenende anfühlte, das hörte nie auf. Daran hat niemand schuld. Ich hatte einfach das Gefühl, dass Erfurt meine Familie ist und dass ich dahin zurück muss.
In Köln bist du beim CSD aufgetreten, hast du so ein entspanntes Verhältnis zu deinen schwulen und lesbischen Fans?
Das kam über Andi, der ist schwul und hat natürlich Kontakte in der Szene. Er ist gefragt worden, ob wir nicht mal beim CSD auftreten wollten. Ich hab mir überlegt, wie ich herausfinden kann, ob viele Schwule meine Musik kennen und dann aus „Uh Girl“ ein „Uh Boy“ gemacht. Da sind viele durchgedreht, die haben sich gefreut. Außer mein Bruder, der hat in der ersten Reihe gestanden und mit dem Kopf geschüttelt, weil er weiß, dass ich hetero bin. Ich hab da keine Berührungsängste und geh damit spielerisch um.
Hast du denn über deinen Manager viel über schwules Leben erfahren?
Natürlich, wir haben in unserem Umfeld schwule Freunde, auch solche, die sich relativ spät geoutet haben. Das hat uns jedes Mal überrascht, weil wir dachten, dass man uns das doch sagen kann. Aber vielleicht hatten die vor einer anderen Instanz Angst oder es selbst noch gar nicht richtig begriffen. Ängste wie diese sind mir vertraut, ich ziehe da den Vergleich zur HipHop-Szene, in der ich aufgewachsen bin. Ich wusste nicht, ob ich Fisch oder Fleisch, ob ich Songwriter oder Rapper bin. Ich hab immer gemerkt, dass ich anders bin, manche Leute haben mir den Stinkefinger gezeigt. Ich kann mir vorstellen, dass genau in den Phasen, wo man nicht genau weiß, wer man ist, Leute kommen, die einem nicht wohlgesonnen sind, weil sie riechen, dass man angreifbar ist.
Das Album „An und für sich“ ist bei Four Music/Sony erschienen, das Foto-Buch „Clueso von und über“ bei Schwarzkopf & Schwarzkopf. Mehr unter www.clueso.de
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