Das neueste Werk von Epstein und Friedman versteht sich zunächst als Dokumentation eines kulturhistorisch bemerkenswerten Kapitels. „Howl“ (Geheul) zeigt die Entstehung des gleichnamigen, 1955 veröffentlichen Poems des schwulen Beatnik- und Protestdichters Allen Ginsberg, das nicht zuletzt wegen seiner homosexuellen „Stellen“ seinerzeit beschlagnahmt wurde.
Für eine klassische Doku fanden Epstein und Friedman wohl nicht ausreichend filmisches Material. Sie versuchten sich daher erstmals als Spielfilmregisseure. Geschickt verweben sie in „Howl“ gleich eine Handvoll Erzählebenen: Da ist zum einen der frisch verliebte Ginsberg in seinem Bohème-Leben, der über die Kunst, die Literatur und das Lebensgefühl jener durch den Kalten Krieg politisierten Jugend räsoniert, die man später Beat-Generation nennen sollte. Dazwischen geschnitten sind flackernde Schwarzweißbilder, wie „Milk“-Darsteller James Franco als sprachwilder Lyriker mit Verve und sexy Nerdbrille seine bildkräftige Hymne in einem verrauchten Literatencafé rezitiert.
So ganz traute das Regieduo der Sprach- und Wirkungskraft des längst zum US-Schulklassiker erwachsenen „Geheuls“ allerdings nicht. So beauftragten sie den Comiczeichner Eric Drooker, die bildgewaltigen Verse als psychedelischen und orgiastischen Bilderrausch zu visualisieren – mit geschmacklich fragwürdigem Resultat. Zu guter Letzt erleben die Zuschauer auch noch den mit absurden Argumenten geführten Prozess, bei dem sich Ginsbergs Verleger gegen den Vorwurf der Verbreitung obszöner Schriften wehren musste – und erfolgreich die Freiheit der Kunst verteidigte.
Dieses Konglomerat haben Epstein und Friedman sehr geschickt arrangiert und in einem Aufwasch gleichermaßen Literatur- und Rezeptionsgeschichte samt einem Ginsberg-Biopic abgeliefert: Intelligente Volkshochschule für Literatur- und Homogeschichts-Interessierte, aber auch für Lyrikmuffel durchaus geeignet.
„Howl“. USA 2010. Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman. Mit James Franco, Jon Hamm, David Strathairn, Mary-Louise Parker, Jeff Daniels. 90 min.
Ab 6. Januar im Abaton Kino (OmU) und 3001-Kino (dt. Fassung)
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