Spätestens durch die Verfilmungen seiner Romane wie „Die Reise nach Indien“, „Zimmer mit Aussicht“ und „Wiedersehen in Howards End“ wurde der englische Autor E. M. Forster (1869-1970) auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Nie ganz geklärt werden konnte bislang, weshalb Forster auf dem Höhepunkt seiner erfolgreichen Schrifstellerkarriere plötzlich verstummt war.
Dieses Rätsel löst nun die Literaturwisseschaftlerin Wendy Moffat, die für ihr Buch „E. M. Forster. A New Life“ die bislang gesperrten, so genannten „Sextagebücher“ auswerten konnte. Forster hatte seit seiner Pubertät ausführliche Notate zu seinen erotischen Fantasien und sexuellen Erlebnissen geführt.
Literarisch hatte E. M. Forster seiner Homosexualität lediglich in dem 1913/14 entstandenen Roman „Maurice“ Ausdruck verliehen. Aus Angst, dass er sich durch das Buch als homosexuell outen könnte, hatte Forster allerdings verfügt, dass das Buch erst nach seinem Tode veröffentlicht werden dürfte.
Erste sexuelle Erfahrungen macht Forster allerdings erst Jahre nach dem Entstehen von „Maurice“, wie Wendy Moffat in ihrem Buch anhand von Forsters Tagebuchnotizen aufzeigt. Demnach verlor Forster seine Unschuld im Alter von 38 Jahren durch einen verwundeten Soldaten, als er während des Ersten Weltkriegs in Ägypten für das Britische Rote Kreuz im Einsatz war. „Losing R“ notierte Forster nach diesem Erlebnis: Das R stand für „respectability“ (Ehrbarkeit).
1930 lernte Forster schließlich die „Liebes seines Lebens“ (Moffat), den Polizisten und Familienvater Bob Buckingham kennen. Daneben hatte Forster wohl aber auch zahlreiche kurze Affären und sexuelle Abenteuer, wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist.
„Ich könnte ein weitaus berühmterer Schriftsteller sein, wenn ich mehr geschrieben und veröffentlicht hätte, aber der Sex hat letzteres verhindert“, bilanziert Forster in einem Tagebucheintrag. „Für einige Schriftsteller, und darunter sicherlich auch E. M. Forster, führte die Sublimierung der eigenen Sexualität zu einer starken kreativen Kraft.
Das Glück, das er in seiner Beziehung fand, nahm seinem Schreiben die Dringlichkeit“, erklärt der schwule Schriftstellerkollege und Literaturkritiker Alan Hollinghurst („Die Schwimmbad-Bibliothek“, „Die Schönheitslinie“) die Entwicklung Forsters.
Dessen Beziehung zu Bob Buckingham hielt ein Leben lang. Forster unterstützte die Familie seines Geliebten zudem finanziell und bedachte sie in seinem Testament. Nach einem Herzinfarkt wurde er vom Ehepaar Buckingham in deren Haus in Coventry, das Forster für sie gekauft hatte, bis zu seinem Tode gepflegt.
Wendy Moffat: „E.M. Forster. A New Life“, Bloomsbury Publishing London, 416 Seiten, Hardcover, ca. 32 Euro.
Erhältlich u. a. im gut sortierten schwulen Buchhandel
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