Er kennt Noé nur von einem zerknitterten Foto. Lalla, die seit dem Tod der Mutter als Haushälterin in der Familie des marokkanischen Ich-Erzählers arbeitet, hat es ihm gezeigt. Dieser Noé aber verwirrt dem 14-Jährigen den Kopf und wird zur großen Sehnsucht.
Nicht nur, dass er allein durch seine Herkunft die faszinierende europäische Lebensweise verkörpert, wo man heiße Schokolade zum Frühstück trinkt und nicht wie in Marokko Minztee. Das Foto schürt eine Jahre anhaltende, fast schon krankhafte Sehnsucht.
Dem etwas älteren Waisenjungen Youssr, der sich als Fremdenführer durchschlägt, beschert diese blinde Schwärmerei hingegen die Qualen der Eifersucht. Zwar verbindet ihn mit dem namenlosen Ich-Erzähler eine innige, intime und sogar kurzzeitig auch sexuelle Freundschaft. Aber solange der idealisierte Noé nicht leibhaftig aufkreuzt, hat Youssr keine Chance gegen den vermeintlichen Nebenbuhler.
Auf 100 knappen Seiten entfaltet der in Frankreich lebende schwule Schriftsteller Rachid O., Jahrgang 1970, seine Jugenderinnerungen an die ersten Erfahrungen mit der Liebe und der Sexualität. Dem westlichen Leser ermöglicht diese poetisch-dichte Novelle einen unverstellten Blick in nordafrikanischen Familienstrukturen und gibt Auskunft über das zunächst doch fremd anmutende arabisch-muslimische Verständnis von Männlichkeit und schwulem Begehren. Ein Glücksfall!
Rachid O.: „Heiße Schokolade“. Aus dem Französischen von Cordula Wehrmeyer, Verlag Bücken & Sulzer. Brosch, 109 S., 9,90 Euro
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