Wunderkind, Junggenie: Derlei hat der Frankokanadier Xavier Dolan in den vergangenen zwei Jahren schon recht häufig über sich lesen müssen. So ist das eben, wenn man mit 16 Jahren das erste Drehbuch schreibt, dann das Geld, welches man bis dahin bereits als Schauspieler verdient hat, ins eigene Regiedebüt investiert und mit dem Film auch gleich zum Filmfestival nach Cannes eingeladen wird.
„I Killed My Mother“ wurde dort 2009 mit stehenden Ovationen gefeiert und dreifach ausgezeichnet. Im Februar ging der Film als kanadischer Beitrag ins Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dolans Nachfolgewerk „Les Amoures Imaginaires“, das bereits die ersten Festivalpreise bereits abgeräumt hat, wird im Sommer auch in unsere Kinos kommen; zunächst aber sein halbbiografisches Mutter-Sohn-Drama.
Die Pubertät ist die Hölle – für Jugendliche wie für deren Eltern. Am liebsten wäre dem 17-jährigen Hubert, seine Mutter Chantale (Anne Dorval) wäre tot. Ob sie zusammen im Auto oder im Wohnzimmer sitzen, er hält es mit ihr nicht aus – wie sie beim Essen krümelt, ihre TV-Soaps, ihre geschmacklosen Klamotten. Xavier Dolan spielt diesen wohlstandsverwöhnten Egozentriker als übermütigen Choleriker. Hubert redet sich stets derart in Rage, dass seine mächtige Haartolle aufgeregt wippt.
Diese Monologe, oft ohne Schnitt direkt in die Kamera gespielt, sind grandios und sprühen vor Wortwitz. Dieser Typ hat zweifellos einen an der Waffel, sympathisch wird dieser Kotzbrocken nie. Aber er versteigt sich derart furios in seinen Hass, dass man ihn zuletzt doch bedauert.
Irgendwann wird’s Mutti dann doch zu bunt und Xavier landet im Internat. Viel besser wird das symbiotische Verhältnis deshalb nicht. Dass ihr Sohn schwul ist, erfährt sie zufällig im Sonnenstudio, ausgerechnet von der Mutter seines Lovers. Mit dem liefert sich Hubert auch mal eine Action-Painting-Schlacht mit anschließendem Sex im farbverwüsteten Büro.
Keine Frage, Dolan trägt dick auf und er dürfte im wahren Leben ähnlich selbstverliebt sein wie sein Filmcharakter. Schließlich basiert die Geschichte auf seinem eigenen, offenkundig nicht ganz einfachen Mutter-Sohn-Verhältnis. Aber man muss diesem jungen Mann einfach reichlich Respekt zollen, und das nicht allein wegen der furiosen Performance, die er hier abliefert. Auch als filmisches Werk ist „I Killed My Mother“ beeindruckend ausgereift.
So zitiert Dolan stimmig und mit cooler Lässigkeit quer durch Film-, Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte und liefert Referenzen zu François Truffaut und James Dean, wie zu Wong Kar-Wai und Arthur Rimbaud. Ebenso stilsicher arbeitet er in der visuellen Umsetzung mit Farbe und Licht und präsentiert einen wilden, mitunter chaotischer Stilmix aus Texteinblendungen, Zeitlupen - und Schwarz-Weiß-Sequenzen. Das ist in der Summe eine mehr als erstaunliche, imponierende Talentprobe: ungewöhnlich und ambitioniert, aber auch spannend und ungemein komisch.
„I Killed My Mother“. Kanada 2010. Regie und Buch: Xavier Dolan. Mit Xavier Dolan, Anne Dorval, Suzanne Clément, Francois Arnaud, Patricia Tulasne, Niels Schneider. 100 min.
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