944 Seiten sind ein dicker Brocken! Allein 29 Seiten umfasst das Namensregister, das nicht ganz unwichtig ist, um zu den gewünschten „Stellen“ zu kommen. Denn, seien wir ehrlich, darum geht es uns doch im Wesentlichen: Welchen Insidertratsch, welche boshaften, schamlosen oder auch erkenntnisreichen Sottisen und Anekdoten weiß der Hamburger Ex-„Zeit“-Feuilletonchef, Ex-Rowohlt-Cheflektor und Schriftsteller über den deutschen Kulturbetrieb zu berichten?
Eitel waren bereits seine Memoiren, doch soviel Selbstkritik hätte man dem sonst so selbstverliebten Raddatz nicht zugetraut. Schonungslos ist er nicht nur gegenüber seinen Freunden und Feinden. Aus seinen unmissverständlichen Urteilen spricht gleichermaßen Größenwahn, Neid, galliger Hass und die Rache des Ungeliebten: Henri Nannen: „grob, laut, kunstunsinnig“; Gräfin Dönhoff: „Inge Meysel des Journalismus“; Günter Grass: „pubertär-phantasielos“; Peter Handke: „ekelhaftes Insekt“; Harry Rowohlt: „verdreckt und verschwitzt“.
Zunehmend peinlich erscheint Raddatz’ Selbststilisierung als linker Dandy mit Hang zu Champagner, Porsche, Luxussuiten und prahlerischen Fickgeschichten. So etwa sein One-Night-Stand mit Rudolf Nurejew („Sex pur, aber voller Grazie“). Je länger man in diesen Notizen liest, desto tragischer, ja geradezu bedauernswert erscheint Raddatz. Wenn ihm das bewusst war: Müsste man ihn für diese rückhaltlose Selbstentblößung eigentlich bewundern?
Fritz J. Raddatz: „Tagebücher. Jahre 1982-2001“. Rowohlt Verlag, 944 S., 34,95 Euro
Die Gelegenheit, Raddatz live zu erleben, ergibt sich am 4. November: Dann trifft er im Radisson Blu Hotel am Dammtor auf Roger Kusch. Hamburgs ehemaliger Justizsenator kämpft für ein „Recht auf Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug“. Vor zwei Jahren verhalf er einer Rentnerin sehr öffentlichkeitswirksam, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Roger Kusch nennt das „Autonomie am Lebensende“, Spiegel online unterstellte dem Juristen einen „grotesken Feldzug“.
Kusch hat mit seiner Sterbehilfe ein Tabuthema besetzt. Nun holt er sich mit Fritz J. Raddatz einen weiteren Tabubrecher an die Seite: beider sprechen öffentlich über das Thema „Das Ende denken“.
„Das Ende denken“: 4. November, 19.30 Uhr, Radisson Blu Hotel, Dammtor, www.sterbehilfedeutschland.de
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