Marianne, Dein neues Album hat einen sehr eigenen, elektronisch-sphärischen Sound bekommen. War das die Idee deines Produzenten Dirk Riegner?
Ich hatte mir einen solchen Sound gewünscht. Es gab keinen Auftrag einer Plattenfirma. Wenn ich nach so langer Zeit wieder ein Studioalbum mache, wollte ich mich nicht deren Kriterien unterworfen fühlen – nämlich so zu klingen, wie deren Ansicht nach Marianne Rosenberg heute zu klingen hat.
Zu Beginn deiner Schlagerkarriere warst du das Nesthäkchen unter den Branchenkollegen. Ergeht es dir heute inmitten der jüngeren Popmusikern genau umgekehrt?
Ich glaube nicht, dass es auf solche Begriffe wie „alt“ oder „jung“ ankommt. Ich denke auch nicht darüber nach, was in welche Schublade gehört. Ich nehme mir einfach das Recht zu leben und mich zu verändern. Das hört man dann auch aus meiner Musik heraus. In zwei Jahren klinge ich deshalb vielleicht auch wieder ganz anders.
Trotzdem bleibst du für viele die Schlagersängerin aus der „ZDF-Hitparade“.
Damals gab es gerade mal drei Fernsehsender, und auch nur drei deutsche Musikrichtungen: Liedermacher, Deutschrock und Schlager. Ich behaupte ganz frech, dass ich die erste deutsche Popmusikerin war. Erfunden habe ich sie natürlich nicht, sondern der Produzent Christian Heider. Erst im Rückblick erkennt man, wie fortschrittlich seine Musik eigentlich war.
Dein Song „Lauf Kleine“ erzählt mit sehr viel Sprachwitz davon, wie die Hoffnungen von Castingshow-Teilnehmerinnen ausgebeutet werden. Wie viel Erfahrungen des Teenagerstars Marianne Rosenberg ist da mit hineingeflossen?
Ja, ich war auch mal diese Kleine von der ich in diesem Lied singe. Aber ich hatte die Gnade der frühen Geburt. Da waren tatsächlich noch Plattenleute, die interessiert waren dieser Kleinen noch zwei, drei Jahre Zeit zu geben. Heute geht das Zakzakzak und die müssen in einem Affentempo durch diese Maschinerie - und dann kommt das neue kleine Fräuleinwunder, und das alte fällt wieder in die Versenkung. Ihr Gesicht aber ist so vermarktet, jede Peinlichkeit in Endlosschleifen vor einem Millionenpublikum breitgetreten, dass sie ihr altes Leben danach kaum mehr unbeschadet fortsetzen kann.
In den 90er Jahren hatte ich das Gefühl, dass die öffentliche Marianne Rosenberg, so wie sie sich beispielsweise bei Konzerten inszenierte, zunehmend zu einer Art Kunstfigur wurde. War dies dein Weg, um die alten Hits überhaupt singen zu können?
Wir müssen uns mal vor Augen halten: Meine Hits, mit denen ich in der „ZDF-Hitparade“ war, liegen 40 Jahre zurück. Da existiert gewissermaßen ein eingefrorenes Bild von mir, das sich nicht verändert. Deshalb sind diese Songs und diese Marianne Rosenberg auch Kult, genauso wie die „Rocky Horror Picture Show“, in die du reingehst und Reis wirfst. Einen Menschen aber kannst du nicht auf einem Level halten. Er verändert sich, lebt weiter. Dieses Recht nehme ich mir einfach heraus, ob es mir zugestanden wird oder nicht.
Ich kann nicht erwarten, dass sich Millionen Menschen mit meinem Weg als Musikerin beschäftigen. Die meisten behalten das Bild, das sich ihnen früher von mir einprägte. Die wirklichen Fans sind meinen Weg mitgelaufen. Die würden nie erwarten, dass ein neues Rosenberg-Album so klingt wie in den 70er Jahren, im Gegenteil. Sie würden mir das sogar sehr übel nehmen.
Im West-Berlin der 80er Jahre hattest du dein Leben gründlich über den Haufen geworfen. Mit einem Male gab es eine Marianne Rosenberg, die sich in der Hausbesetzerszene tummelte, die ersten Aids-Pflege-Projekte unterstützte und sich nicht mehr von den Plattenfirmen fremdbestimmen ließ.
In Berlin hatte man das auch gerafft, beim Rest der Welt war ich mir da nicht so sicher (lacht). Wie sollten sie auch. Es schauen dir ja gewöhnlich nicht Millionen Menschen dabei zu, wenn du in High Heels auf einer Demo über Berliner Pflastersteine stöckelst!
Wie siehst du diese Zeit heute im Rückblick?
Das war meine wichtigste Phase im Leben, meine verspätete Abnabelung von zuhause, von den Plattenbossen. Ich hatte ja sehr jung angefangen und Erfolg gehabt. So etwas Normales wie erste Lieben im Teenageralter hatte ich völlig verpasst Alles kam deshalb verspätet. Ich war auf der Suche nach dem Anderen, dem Neuen - auch in der Musik. Ich wusste nicht, stehen andere Musiker auch hinter der Glasscheibe im Studio, singen den Song zwölf Mal hintereinander ein und gehen dann nachhause? Deshalb bin ich damals ja auch nach Fresenhagen in das Haus von Ton Steine Scherben gefahren, um mir da mal anzusehen, wie das ist, wenn Musiker von Anfang an zusammen an Songs schreiben. Und ich habe eine Menge gelernt. Dass ich heute die Songtexte für ein ganzes Album aus dem Ärmel schüttle, ist auch eine Folge davon. Rio Reiser war der erste, der mich dahin gedrängt hat, auch mal selbst zu texten und zu komponieren. Ich habe aber auch hinter die Kulissen geguckt und gesehen: Diese vermeintlich so coole progressive Szene trägt zwar eine andere Uniform, wollte letztlich auch nur das Gleiche wie die Kommerzkünstler: nämlich Erfolg in den Charts und abräumen.
Damals herrschte innerhalb dieser Szene eine Stimmung linksrevolutionären Protestes, heute gehen die Menschen gegen Stuttgart 21 und die AKW-Laufzeitverlängerung auf die Straße. Hat sich also nicht viel verändert?
Ich sehe die Dinge heute schon noch anders als damals, das ist aber auch nur natürlich.Ich finde es gut, dass die Leute wieder mehr auf politische Dinge reagieren, die Entscheidungen der Politiker hinterfragen und sich nicht für blöd verkaufen lassen. Ich sehe aber auch den Staatsapparat, der letztlich von der Wirtschaft gelenkt wird. Letztlich geht es nur ums Habenwolllen. Die, die viel haben, wollen noch mehr.
Es hat sich also nichts verändert?
Außer, dass wir damals dachten, wir könnten tatsächlich etwas verändern. Oder hättest du geglaubt, dass wir nach soviel Jahren nochmal die Anti-AKW-Buttons anstecken würden?
Marianne Rosenberg „Regenrhythmus“ ist bei edel music erschienen.
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