Felix, Germanistikdozent an einer US-Provinz-Uni sucht sein Glück und die Selbstvergewisserung erst bei einem jungen Lover in Kalifornien und schließlich in Berliner Sexclubs: Hoch konzentriert, bisweilen auf kluge wie überraschende aphoristische Sätze zugespitzt erzählt Peter Rehberg (44) in seinem neuen Roman „Boymen“ vom schwulen Umgang mit Sex, Körperkult und der Panik vor dem Älterwerden. Der Autor und Ex-Chefredakteur der Zeitschrift „Männer“ stellte sich den Fragen von Axel Schock.
Peter, wie war’s für dich 40 zu werden?
Es war tatsächlich ein Thema für mich. Die Dreißiger sind überhaupt nicht schlimm. Bis 35 ändert sich nichts: Alles, was du dich mit 19 noch nicht getraut hast, kannst du immer noch voll ausleben. Bei mir persönlich ging es im Alter von 36 los. Da habe ich kapiert: Es ist mein Körper, der einmal sterben wird. Plötzlich war das nicht mehr abstrakt, sondern es ging ganz konkret um mich. Das hatte weniger mit Älter- und Hässlichwerden oder Verfallserscheinungen zu tun, sondern es war eine ganz existentielle Erfahrung.
Hast du deshalb das Älterwerden als Romanthema aufgegriffen?
„Boymen“ ist genau genommen mein am wenigsten autobiografisches Buch. Für mich sind Romane immer auch so etwas wie Versuchsanordnungen. In „Boymen“ dekliniere ich wie in einem Experiment die Möglichkeiten durch, wie man als schwuler Mann älter werden kann: Die einen leben in einer fester Beziehung und ziehen in einen ruhigen Vorort, andere machen Karriere oder bleiben Sexjunkie und tun so, als würde sich überhaupt nichts verändern.
Schwule und Heteros passen einfach nicht zusammen – zu diesem Schluss kommt zumindest dein Ich-Erzähler. Gibt es diesen eklatanten Unterscheid zwischen hetero- und homosexuellem Leben tatsächlich? Sind ab einem bestimmten sozialen Status oder einem Alter nicht die meisten Schwulen auch kleine Spießer in einer geordneten Zweierbeziehung?
Zunächst dachte ich auch, dass man mit dem Alter zusammenfände. Meine Erfahrung aber ist eine andere. Heteros verschwinden immer mehr aus meinem Leben. Es gibt viel Propaganda für diese bürgerliche Form eines schwulen Lebensentwurfs, also ein Leben mit eingetragener Partnerschaft, am besten mit Reihenhaus und einem adoptierten Kind. Tatsächlich aber kenne ich kaum Schwule, die so leben. Ich kenne hingegen sehr viele Ende 30 und älter, deren Lebensstil sich mit dem zunehmenden Alter nicht mehr sonderlich geändert hat. Vielleicht gehen sie nicht mehr ganz so viel ficken und stattdessen mit ihren Freunden essen oder machen in Kultur, aber grundsätzlich ist ihr Lebensstil der gleiche geblieben.
Der Schwule will „ein Leben lang 20 sein“, heißt es an einer Stelle bei dir. Um den natürlichen Verfall des Körpers aufzuhalten, rennt er fünfmal die Woche ins Sportstudio und stylt sich trendgerecht. Eigentlich eine recht tragische, glücklose Existenz, oder?
Ich habe im Roman versucht, die Tragik aus diesem Lebensentwurf etwas herauszunehmen. Tragisch finde ich es nur, wenn sich ein 44-Jähriger mit Bauchansatz in ein Abercrombie & Fitch-Shirt zwängt und tatsächlich glaubt, dass es für ihn in der Bar genauso gut läuft, wie für den 20-Jährigen. Das ist pure Realitätsverkennung. Andererseits, was soll im fortschreitenden Alter diesen Hedonismus, diese Art und Weise ein Leben zu genießen, ablösen? Es entwickelt sich meines Erachtens sehr schnell eine Art Ideologie daraus, was man mit 40 machen darf und was nicht. Schwule haben dagegen erfolgreiche Strategien entwickelt. Die zunehmende Fetischisierung ermöglicht es 40- oder 50-jährigen Männern, sich weiterhin als Sexobjekt klassifizieren zu können.
Andere sehen es eher als Verzweiflungstat, wenn Schwule ab einem bestimmten Alter plötzlich zum Ledermann mutieren.
Ich finde das nicht verzweifelt, sondern möchte an dieser Stelle auch auf eine schwule Sonderrolle insistieren. Wenn man tatsächlich Formen findet, diesen sexualisierten Lebensstil weitere 20 Jahre lang auszudehnen, warum es dann nicht tun?
Zum Ende des Romans stürzt sich dein Held in drogengeschwängerte Exzesse in schwulen Sexclubs. Ein Szenario, das Mitarbeiter der Aids-Prävention wahrscheinlich gut kennen, aber auch verzweifeln lässt. Gibt es da eine logische Konsequenz im Verhalten mancher schwuler Männer, dass sie mit dem vermeintlichen Schwinden der Attraktivität sich sexuell umso exzessiver und auch risikofreudiger ausleben?
Ich kann darauf nur ganz persönlich antworten. Der überwiegende Teil meines Berliner Freundeskreises ist positiv. Die meisten von ihnen haben sich erst nach ihrem 35. Lebensjahr oder weit in den 40ern infiziert. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie alle ihre blinden, dunklen Momente hatten und unsafe herumgefickt haben. Es ist wahrscheinlich einfach nur Zufall. Wenn du als schwuler Mann 30 Jahre lang promisk lebst und Safer Sex machst, summiert sich vielleicht rein statisch das verbliebene Restrisiko auf. Was nicht heißen soll, dass sich früher oder später jeder infiziert.
Es gibt ja auch die These, dass schwule Männer, gerade wenn sie ein promiskes Leben geführt haben, das Schwinden der körperlichen Attraktivität nicht ertragen können und dann noch einmal alles geben wollen, bevor alles vorbei ist.
Ich würde das nicht in ein solches Psycho-Korsett klemmen wollen. Jeder, der auch nur ansatzweise diese Art Sexbesessenheit erlebt hat, weiß, welche Verführungskraft dies hat. Problematisch wird es erst, wenn der Sexrausch auch andere Dinge und Defizite abdecken und kaschieren muss. In meinem Roman gibt es für dieses Verhalten der Figur einen ganz individuellen Anlass. Meine persönlichen Erfahrungen waren durchaus andere.
Wie sahen die aus?
Ich konnte mit dieser schwulen Sexszene erst umgehen, als ich bereits Ende 20 war. Das ist vielleicht auch eine Generationssache, die viel mit HIV zu tun hatte. Ich hatte mein Coming-out 1985. Mein Umgang mit HIV sah zehn Jahre lang so aus, dass ich versuchte, mich aus der anonymen schwulen Sexszene weitgehend rauszuhalten und feste Freunde hatte. Erst mit Ende 20 fühlte ich mich stabil genug, um zu sagen: Das sind die Infektionsrisiken, mit denen ich umgeben kann.
Sehen Schwule tatsächlich „Sex als Volksport“, wie du im Roman so schön zugespitzt formulierst?
Ich glaube, jeder Schwule hat das Bedürfnis, wenigstens einmal Gast in dieser Sexszene gewesen zu sein. Das heißt nicht, dass du 20 Jahre lang im Sling liegen musst, aber wenn du nicht wenigstens einmal dabei warst, dann hast du als Schwuler irgendwie dein Leben verpasst. Und ich glaube auch, dass es alle schon einmal gemacht haben. Manche sprechen lediglich nicht darüber.
Peter Rehberg „Boymen“, 212 Seiten, 16 Euro, Verlag Männerschwarm
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