Mag die Fachjury aus Filmfestorganisatoren und queeren Filmarbeitern auch von Jahr zu Jahr anders zusammengesetzt sein, glatter Mainstream hatte in der Regel wenig Chancen auf einen der begehrten Teddy Awards. Doch, oh Wunder, im Jubiläumsjahr dieses weltweit bedeutendsten queeren Filmpreises wurde nicht etwa spröder, aber hoher Kunstanspruch, sondern eine schlichte und Pin-up-mäßig abgefilmte Geschichte als bester Spielfilm prämiert. Der Argentinier Marco Berger erzählt in „Ausente“ (Abwesend) die Geschichte eines Schülers, der erfolglos an seinem Schwimmlehrer herumbaggert und dessen körperliche Vorzüge die Kamera in Großaufnahmen und langen Einstellungen zur Geltung bringt.
"Die einzigartige Kombination des Films aus homoerotischem Begehren, Ungewissheit und dramatischer Spannung reflektiert das feine Verständnis der Genre-Konventionen und der kinematographischen Sprache des Regisseurs", begründete die Jury ihre Entscheidung.
Als bester Dokumentarfilm wurde Marie Losier für ihr Porträt des Post-Punk-Performancekünstlers Genesis P-Orridge und seiner Lebensgefährtin Lady Jane ausgezeichnet. Babara Hammer erhielt für ihren Experimentalfilm den Kurzfilmpreis. Der Jury Award ging sehr verdient an die mitreißende französische Produktion „Tomboy“ von Céline Sciamma über ein zehnjähriges Mädchen, das zwischen den Geschlechterrollen hin- und hergerissen ist. Die Leserjury der Siegessäule wählte das Debüt von Benjamin Cantu „Stadt Land Fluß“ über eine schwule Liebe in der brandenburgischen Provinz zu ihrem Favoriten.
Inwieweit die Auszeichnungen den jeweiligen Filmen helfen, mehr Aufmerksamkeit und damit auch mehr Zuschauer zu gewinnen, wird sich alsbald zeigen. „Stadt Land Fluss“ wird im Mai in die deutschen Kinos kommen. Für „Tomboy“ sollen bereits mehrere deutsche Verleiher Interesse gezeigt haben und auch „Ausente“ dürfte keine Probleme haben, zumindest als DVD auf den deutschen Markt zu gelangen.
Zweifellos aber hat sich der Teddy Award in diesem ersten Vierteljahrhundert seines Bestehens als Preis internatonal positionieren und seine Relevanz untermauern können.Als die lesbisch-schwule Auszeichnung 1987 erstmals eher spontan unter anderem von den Berlinale-Kuratoren Wieland Speck und Manfred Salzgeber ausgelobt wurde – unter anderem ging er seinerzeit an die noch völlig unbekannten Filmemacher Gus van Sant und Pédro Almodóvar – hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass eines Tages die Veranstaltung von einem öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt und zu einem festen, wichtigen Glamour-Event der Berlinale- wie der Berliner Homoszene werden würde. Tout Berlin – von Volker Beck über Thomas Hermanns und Georg Uecker bis zur Bürgermeisterkandidatin Renate Künast – ließ sich dieses Jahr blicken. Der Noch-Regierende Wowereit erinnerte in launigen Worten daran, dass der Teddy so lange ein wichtiges Zeichen für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung bleiben müsse, wie es Diskriminierung, Homophobie in Deutschland und im Rest der Welt auf der Tagesordnung sei.
Rosa von Praunheim echauffierte sich über die Bigotterie die Papstes in seinen roten Schuhen und redete sich geradezu in Rage, als er die Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit in Lettland und Uganda anprangerte.
Bewegend hingegen der Auftritt von Pieter-Dirk Uys. Der südafrikanische Kabarettist und Aids-Aktivst sollte den diesjährigen Ehren-Teddy erhalten. Zunächst erschien Uys in seiner kabarettistischen Paraderolle als Evita Bezuidenhout, die Nelson Mandela höchstselbst als die berühmteste weiße Frau Südafrikas bezeichnete.Uys aber ist vor allem gnadenloser politischer Satiriker ohne Tabus.
Wahrscheinlich darf und kann nur ein schwuler weißer Südafrikaner mit jüdisch-deutschen Wurzeln die Naziarchitektur des Flughafen Tempelhofs mit Holocaust, Rassenwahn und der Apartheidpolitik in Südafrika in Zusammenhang bringen und nebenbei Witze über „ehrlich erlangte akademische Titel“ und Merkels Kochkünste machen. Das ganze zudem als stilvolle Drag Queen. Er habe gelernt, dass Humor eine Waffe sein kann, gleichermaßen im Kampf gegen Aids wie gegen die Apartheid, sagt Pieter-Dirk Uys später, als ihm die südafrikanische Botschafterin den Ehrenpreises überreichte. Deren bewegende Rede machte auf eindringliche Weise deutlich, wie Rassismus und Ausgrenzung, wie der Kampf gegen Aids und Homophobie zusammenhängen und was „queere Solidarität“ alles bedeuten kann.
Bleibt zu hoffen, dass ihre Ansprache beim Zusammenschnitt der Gala, den arte am Sonntagabend ab 23.50 Uhr ausstrahlt, nicht herausfallen wird.
www.teddyaward.tv
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