Zuhause, das ist für den schlaksigen Gianni Berlin. Im schwulen Nachtclub gibt es reichlich Menschen, die er mit Küsschen begrüßen muss. Auf dem Klo wird erst einmal eine Prise Koks hochgezogen, später gibt’s dort auch einen kleinen Quickie. Und auf der Showbühne der „House of Shame“-Party von Drag Queen Chantal gibt Gianni dann auch gleich noch „Felicita“ von Albano & Romina Power zum Besten. Was einem jungen schwulen Mann mit italienischen Wurzeln eben so auf den Lippen liegt.
Doch genau diese Wurzeln lassen ihn überplötzlich nicht zur Ruhe kommen. Sein Vater ist aus dem Familieneben verschwunden, als Gianni (Gianni Meurer) noch ein Kind war. Geblieben sind nur eine vage Erinnerung und ein altes Schwarz-Weiß-Porträt.
Was diese Identitätskrise auslöst, erklärt uns Regisseurin Claudia Rorarius in ihrem Spielfilmdebüt nicht. Vor allem bleibt es bis zum Ende ein Rätsel, ob dieser doch eigentlich intelligent erscheinende Mann tatsächlich glaubt, ihn mit einer Handvoll vager Informationen (Papa war mal Profi-Handballspieler und liebte Rom) tatsächlich ganz zufällig nach Jahrzehnten ausfindig machen zu können. In einem eigens gekauften Gebrauchtwagen geht’s auf nach Italien.
„Chi l’ha visto – Wo bist du“ will ein beinahe klassischer Roadmovie sein. Einmal quer durch Deutschland und Italien, mit Stops an billigen Hotels und schäbigen Tankstellen. Telefonate mit Mutti, Tagebuchschreiben, Rauchen, Sit-Ups und wieder Autofahren. Wildfremde Menschen müssen sich das Foto von Papa anschauen und wen wundert’s, dass ihn niemand erkennt. Dass Rorarius und Meurer diese Szenen allesamt improvisiert haben und ihnen damit einen dokumentarischen Charakter verleihen, führt leider nicht zu größerer Intensität oder Spannung.
Kurzzeitig hat er eine Reisebekanntschaft (Paul Kominek), die zwischen brüderlicher Freundschart und erotischer Spannung oszilliert, aber ebenso wenig zu einem Punkt wie diese sich hinschleppende Versuch, die Lücke in der eigenen Identität aufzufüllen. Am Ende, wen wundert auch dies, gibt’s für Gianni kein Happy End, und für den Zuschauer leider nur das Gefühl, Lebenszeit verloren zu haben.
„Chi l’ha visto – Wo bist du“. D 2010. Regie Claudia Rorarius. Mit Gianni Meurer, Paul Kominek. 92 min. Bis 24. August, Neues Monopol.
Vorstellung in Anwesenheit von Regisseurin und Hauptdarsteller: Sonntag, 21. August, 20.45 Uhr. www.chilhavisto.de
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