Seine geschmeidig verpackten Botschaften wie „I Need A Dollar“ erobern gerade das Radio, obwohl ihr Verfasser darin die Seelenlosigkeit der Popkultur beklagt. Warum der Soul-Missionar an die Regenbogenkoalition glaubt, erzählt er im Interview mit Michael Loesl:
Siehst du das Bekenntnis zum Soul auf deinem Album auch als Glaubensbekenntnis?
Vor dieser Platte habe ich mit ganz unterschiedlichen musikalischen Stilen gearbeitet – HipHop, Rock und Jazz – , deren Übergänge zum Soul immer schon fließend waren. Aber jetzt lege ich mit meinem ersten richtigen Soul-Album tatsächlich ein Glaubensbekenntnis an mein Herz, meine Gefühle und meine Verletzbarkeit ab.
Befindest du dich auf einer Mission zu dir selbst?
Nein, ich befinde mich auf einer Mission zur Menschlichkeit. In meinem Heimatland USA lassen sich die Leute immer mehr voneinander entfremden, was letztendlich in immer größer werdendem Konfliktpotenzial resultiert. Ich möchte meine Musik als Vehikel nutzen, um von einer alternativen Vision zum sozialen Gefüge unserer globalisierten Welt erzählen zu können.
Das klingt ein bisschen pathetisch.
Pathetisch finde ich eher den überemotionalisierten Klimbim im Fernsehen, den wir beklatschen. Es herrscht eine regelrechte Panik vor allem, was authentisch und echt ist, weil Authentizität nicht in Neonfarben glänzt, sondern Zeit braucht, um ihren Glanz entfalten zu können.
Meinst du damit die moderne Popkultur?
Auch. Sie mutet wie eine bezaubernde Blume an, die nicht duftet und nicht glänzt, weil sie aus Plastik ist. Wir leben in einer komischen Zeit, weil wir die Brücken zur Vergangenheit abbrechen, ohne eine Vision für die Zukunft zu haben. Statt von denjenigen zu lernen, die wissen, wie man seine eigene Menschlichkeit entfalten kann, sperren wir sie weg in Altenheime.
Deine Botschaft greift aber ganz schön weit.
Na klar, Mann, weil eine Sache die Nächste bedingt. Jemandem, dem die Umwelt schnuppe ist, werden auch die Menschen um ihn herum am Arsch vorbeigehen. Es gibt nicht ein bisschen Menschlichkeit. Entweder du besitzt sie, oder du musst lernen, aus deiner Entfremdung auszubrechen, ganz egal ob du 25 oder 50 bist. Wenn wir nicht bald lernen, unsere Welt als Community zu verstehen, werden wir immer mehr Konflikte erleben.
Die Idee der Regenbogenkoalition funktionierte aber auch vor 40 Jahren schon nicht …
Woran das wohl liegt? Vergiss nicht, dass wir einen Harvey Milk hatten, der dafür stand, dass du dich als schwuler Mann freier bewegen kannst als schwule Männer vor 50 Jahren. Und wenn du dich freier bewegen kannst, werden sich auch Menschen mit anderer Hautfarbe freier bewegen können. Ich glaube an die Idee der Regenbogenkoalition, weil sie der einzig gangbare Weg ist. Leider haben wir keine Harvey Milks oder Martin Luther Kings mehr. Stattdessen dürfen wir uns mit der Raffgier neoliberaler Gangster auseinandersetzen, die uns allen gerne Sachen verkaufen, die wir nicht brauchen.
Hast du schon mal über die Gefahr nachgedacht, als das gute Gewissen der Popmusik stigmatisiert zu werden?
Nein, ich habe ja nicht nur einen gesellschaftskritischen Anspruch, sondern auch einen erotischen. Soul und Funk sind Erotik. Wenn man beides verbinden kann, erreicht man viel mehr als mit reinem Entertainment oder mit reinem Protest.
Marvin Gayes „Sexual Healing“ war also für dich nicht nur eine Vision?
Sicher nicht. Sex und wirkliche Liebe, die nicht an Bedingungen und Egos geknüpft sind, betrachte ich als letzte Bastionen der individuellen Anarchie, weil sie nicht von Marktgesetzen kontrolliert werden können. Es gibt keinen Gruppenzwang, dem Sex und Liebe unterliegen. Deswegen haben beide unbedingt heilsamen Charakter.
Hast du beim Aufnehmen deines Albums auf den Erotik-Effekt geachtet?
Nicht vordergründig, aber ich habe mich ganz bewusst für Nuancen- und Detailreichtum und gegen elektronische Steady-Beats entschieden. Liebemachen hat etwas vom Wind, der durch die Baumkronen zieht. Er füllt den Baum mit Leben, lässt ihn vor- und zurückbewegen, was viel nachhaltiger, kräftiger und letztlich auch natürlicher ist, als dieses neonfarbene, digitale Herumknallen. Wahrhaftige Musik erreicht Seelen. Wahrhaftiges Liebemachen enteist Seelen. Ich glaube, dass das eine das andere bedingen kann und vielleicht sogar muss.
Ist deine Antriebskraft, ähnlich wie bei Prince und Marvin Gaye, auch der Zwiespalt zwischen Lust und Spiritualität?
Meine Antriebskräfte sind meine Seele und meine Wünsche nach Verbindung und Veränderung. Ich möchte Musik um der Kunst willen machen, nicht um damit superreich zu werden. Davon abgesehen soll meine Musik Medizin sein, kein Betäubungsmittel.
Haben dich nach deinem Album schon Soul-Größen kontaktiert, um mit dir zu arbeiten?
Nein, aber ich bekam kürzlich einen sehr schönen Anruf von Bruce Swedien, der dem Sound von Michael Jackson in den Achtzigern seine Form gab. Er erzählte mir, dass Michael meine Version von „Billie Jean“ gefallen hätte, was ein großes Kompliment war. Ich werde ihn demnächst noch mal anrufen, damit er der Popmusik mit meiner Hilfe ihre Seele zurückzubringen kann.
Das Album „Good Things“ ist bei Universal erschienen. Mehr unter aloeblacc.com
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