Andreas, war Ihnen bei ihrer Ausbildung zum Countertenor bewusst, dass Sie sich zeitlebens erklären müssen?
Keineswegs. Ich kam aus einem Dorf, da war alles so bodenständig und gesund. Ich hatte dort auch nie Probleme mit meiner Selbstfindung oder Zweifel, dass ich wegen meiner hohen Gesangsstimme nicht männlich genug sein könnte. Ganz zu Anfang meiner Karriere kam es vor, dass jemand im Publikum gelacht oder komisch geguckt hat, aber das hat mich nicht in meiner Ehre gekränkt oder persönlich getroffen. Wenn, dann war ich nur sauer, weil es mich ablenkte.
Auf Ihrem neuen Album haben Sie Henry Purcells „Cold Song“ Klaus Nomi gewidmet, der 1983 an Aids verstarb. Wann sind Sie ihm zum ersten Mal begegnet?
Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als es beim Fernsehen nachts noch Programmschluss gab, RTL zum Schlussabspann immer Klaus Nomis „Cold Song“ spielte. Ich habe das gehört, ohne zu wissen wer oder was das ist. Jahre später bekam ich von einem Freund eine CD geschenkt und konnte das Lied einem Sänger zuordnen. Erst war mir das etwas unheimlich. Das Cover mit seinem weißgeschminkten Gesicht war sehr artifiziell und extrovertiert. Ich kann aber nur jedem empfehlen, sich auf Youtube die wenigen Aufzeichnungen seiner TV-Auftritte anzuschauen. Er war eine große Künstlerpersönlichkeit und ist leider viel zu früh verstorben.
Welche Wirkung hat der Countergesang in der klassischen Musik auf die Zuhörer?
Das ist ein essentieller Punkt. Warum ist ein Publikum davon fasziniert, beispielsweise eine Heldenrolle wie Händels Julius Cäsar ausgerechnet von einem Mann mit hoher Stimme singen zu lassen? Die meisten Hauptrollen in den Barockopern waren für Kastraten geschrieben. Es gab die Tradition, Knaben mit besonders schönen Stimmen zu kastrieren, in der Hoffnung, dass diese Stimmen nach dem dann nicht erfolgten Stimmbruch erhalten bleibt. Ein Viertel von ihnen ist nach der Operation bereits verstorben. Das ist ein ganz grausames Kapitel der Musikgeschichte, das uns aber unglaublich schöne Musik beschert hat. Sie waren auch damals schon Grenzüberschreiter. Weil keiner festen Geschlechterrolle zuzuordnen, waren sie einfach nur: Mensch.
Sind Schwule die besseren Countertenöre? Immerhin sind die Großen des Fachs von Jochen Kowalski bis David Daniels alle offen schwul.
Wenn das so wäre, dann hätten wir es mit einer Art musikalischer Travestie zu tun, mit der man die eigene Weiblichkeit ausdrücken wollte. Als Lehrer begegne ich allerdings sehr vielen jungen Sängern, denen es ein unglaubliches Anliegen ist, Countertenor zu singen, eben weil sie schwul sind. Da vermischen sich dann Selbstfindung und musikalische Ausbildung. Mein Gesangslehrer Richard Levitt, der selbst schwul ist, hasst das. Er sagt: „Entdecke in deiner Stimme später was immer du willst, aber erst mal lerne gescheit zu singen.“ Wir müssen primär Sänger sein. Wenn’s dann passt und man durch den Gesang beispielsweise auch das eigene Schwulsein ausdrücken kann: Herzlichen Glückwunsch, wunderbar!
Andreas Scholl hat im Rahmen der Gala zugunsten der Deutschen Aids-Stiftung Purcells „Cold Song“ im Gedenken an Klaus Nomi gesungen. TV-Ausstrahlung: 3sat, 12.2.2011, 20.15 Uhr
Auf CD: Andreas Scholl und die Accademia Bizantina, „O Solitude“ (Decca/IUniversal)
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